Wo existiert Geschichte und was hängt in der Luft ?

Wenn alle Bücher verbrannt, alle Dateien gelöscht und alle Historiker ausgestorben sind (spätestens mit dem Kollaps unseres sterblichen Planeten tritt dieser unerfreuliche Zustand ein) - wo bleibt dann unsere Geschichte? Existiert sie dann noch überhaupt? Ist sie dann vielleicht endgültig ausradiert? Nicht mehr vorhanden?

Meine Antwort lautet: Das ist aus einem bestimmten Grund unmöglich. Die Information existiert nämlich in einer Dimension, die von keinem zeiträumlichen Ereignis betroffen werden kann. Diese Dimension ist uns bei weitem nicht so fremd, wie es oft angenommen wird. Aber zuerst ein Abstecher in die Geschichte:

1945 haben unbekannte aber stark kultivierte Rotarmisten so manche Kunstbeute aus Berlin wegprivatisiert. Darunter auch den vom Heinrich Schliemann 1871 aus der Türkei heroisch geschmuggelten "Schatz des Priamos". Jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts sehen sich Deutsche, Russen und Türken als quasi rechtmäßige Eigentümer des Schatzes. Die einzigen betroffenen, die heute auf das alte Gold keinen Anspruch erheben, sind ironischerweise die Griechen. Wenn massive Schuldgefühle wegen Trojas Zerstörung (12. Jahrhundert v. Ch.) dafür der Grund sind, dann haben die Deutschen eine lange düstere Perspektive vor sich :-(  So, die inhaltliche Verbindung zwischen den vier erwähnten Daten war nur ein Ablenkungsmanöver. Mir war dabei wichtig, dass Sie so einfach mal zwischen den Epochen springen, wie man dies normalerweise auch tut. Unsere Unabhängigkeit von der Zeitdistanz und der Zeitrichtung halten wir bei diesen Umschaltungen für selbstverständlich. Ich finde sie ist aber sehr bemerkenswert.

Wenn wir in unserem Geiste aus zerstörtem Berlin in zerstörte Troja springen, dann können wir dabei eine momentane Bewegung woandershin empfinden. Es ist nicht so, dass auf dem inneren Display einfach andere Jahreszahlen aufleuchten. Nein, der Bewusstseins-Brennpunkt ist blitzschnell an einer anderen Stelle platziert. In welcher Dimension findet denn dieses Routinewunder statt?

Ich habe mir überlegt, - ich werde sie "Dimension der Ursachen" oder "Ursachen-Dimension" nennen. Kein schöner Name, der aber den für unsere Problematik wesentlichen Aspekt dieser Dimension wiedergibt. Oder vereinbaren wir lieber gleich eine Abkürzung: "Urdimension".

Das Wort "Ursachen" beschreibt ziemlich genau das Verhältnis zwischen der Urdimension und der Raumzeit. Unsere materielle Realität ist nicht nur von der "Urrealität" abhängig, sie ist eine Projektion der Urrealität auf die vierdimensionale Leinwand unserer Sinneswahrnehmungen.

Ist das nicht zu dick aufgetragen, diese luftige, durchlässige, ungreifbare Welt für den Ursprung unserer handfesten Wirklichkeit zu erklären? Ich formuliere die Frage mal andersrum, damit sie den naiven Leser direkt ins Reich des Erz-Idealismus verführt. Also: Warum fällt uns so schwer das Unzerstörbare (Information, Idee, Energie) als Basis alles Vergänglichen (Ding, Materie, Verkörperung) zu sehen?

Wir lassen jetzt aber diese etwas zu didaktische Frage in der Luft hängen. Damit meine ich nicht den Antwortentzug (ach, die deutsche Sprache, ist sie konstruktiv!), sondern den Existenzberechtigungsentzug (okay, das war zuviel des Guten...). Diese Fragestellung - Idee oder Materie, primär oder sekundär - suggeriert nämlich eine vermeintlich bewiesene Objektivität des Dinglichen. Und diese Annahme lassen wir vorerst auch in der Luft hängen - einfach um nicht darauf bauen zu müssen.

Noch mal aus einem andern Blickwinkel: Warum halten wir das im Gehirn konstruierte subjektive Bild der Realität für die eigentliche Realität? Wir wissen doch genau, dass unsere fünf Sinne uns fünf absolut unterschiedliche Interpretationen dieser Realität liefern. Warum erklären wir Summe derer für:

a. echte Realität
b. volle Realität
c. einzige Realität?

Ich denke, erstens haben wir in der Regel gar keine andere Wahl, da unser Fünfspurgerät auf eben diese fünf Dekodierungsmethoden beschränkt ist. Zweitens, wenn wir unser fünfteiliges Gehirnprodukt nicht als ein originalgetreues Abbild der Welt empfinden, sondern als eine der vielen möglichen Darstellungsarten eines kleinen Bereiches der Realität betrachten, hängt plötzlich unser geliebter Konstrukt namens Weltbild ganz schön schief in der Luft.

Und drittens - durch diese "werkzeugbedingte" Wahrnehmungs-Begrenzung wird eine bestimmte und gezielte Konzentration erreicht: Konzentration auf dem Phänomen Raumzeit. Raumzeit ist zwar nur ein Abschnitt auf der Intensitäts-Skala der Realität, aber gerade diesen Bereich erforscht Menschheit sinnlich und intellektuell.

Ich behaupte also, dass eine materielle Welt als Raumzeit-Kontinuum innerhalb des Gehirns existiert. Das ist zwar rein wissenschaftlich weder nachweisbar noch widerlegbar. Ich halte es allerdings für plausiebel, dass materielle Wirklichkeit - wie wir sie kennen - ein rein subjektives Phänomen darstellt.

Lassen Sie uns jetzt die Urdimension unter die Lupe nehmen.

Ihre wichtigste Charakteristik ist eine totale Verbundenheit aller Phänomene. Nicht Dinger oder Objekte, sie gibt es dort im Sinne materieller Wirklichkeit einfach nicht. Diese Verbundenheit wird besser mit dem Wort "Totalität" als z.B. "Vernetztheit" wiedergegeben, obwohl Bindungen in diesem durch und durch strukturierten mehrdimensionalen Raum äußerst real sind. Die Metastruktur aller Zusammenhänge kann als dynamisch und lebendig bezeichnet werden.

Intensität, die auch als Geschwindigkeit aller Prozesse wahrgenommen wird, übersteigt bei weitem die Vorstellungskraft des täglichen Bewusstseins. Ungeheuere Geschwindigkeit des Informationsflusses in der Urdimension ist für ein Gehirn nicht mal ansatzweise erreichbar. Eigentlich gibt es dort gar keine Information über Phänomene, sondern einen momentanen Zugang zu jedem "angefragten" Aspekt der Realität, beziehungsweise zu den Zusammenhängen, die ihrerseits keineswegs abstrakt sind, sondern selbst Phänomene darstellen. Diese sind genauso durch eine sehr intensive Informationssättigung gekennzeichnet.

Unterschied zwischen "Dingen" und "abstrakten Begriffen" besteht in relativ subtilerem "Stoff" der Letzteren. Es gibt aber auch viele Begriffe, die wirklich leer sind, die keine Realität in sich haben und bloße Sprachphänomene darstellen. Sie existieren in der Urdimension nicht. Manche andere Phänomene, die wir gewöhnlich für mehr oder weniger abstrakte Begriffe halten, existieren dagegen absolut real und sind direkt wahrnehmbar. So ein mentaler Motor unserer Epoche wie "Gier" zum Beispiel, hat eine nicht minder reale Substanz als irgendein Gegenstand der Gier. Die infoenergetische Bindung zwischen den Beiden kann als räumlich aber nicht dreidimensional beschrieben werden.

Die Zeit, wie wir sie kennen, existiert in der Urdimension nicht. Weil jede Erfahrung momentan ist und weil es keine Dauer der Wahrnehmung gibt, wird vom Bewusstsein auch keine Zeit produziert. Anstatt der uns bekannten streng linearen Erlebnis-Reihenfolge gibt es einen vielschichtigen Erlebnis-Raum, in dem Bewusstsein mit großer Souveränität in alle Richtungen zeitfrei agiert.

Es gibt allerdings eine Begrenzung, die der Zeit funktionell ähnelt, dennoch anderer Natur ist. Alle Phänomene und Prozesse haben ja ein bestimmtes Volumen, eine infoenergetische Größe, die das tägliche - vom Verstand beengte - Bewusstsein dazu zwingt, Zeitmechanik einzuschalten und alles portionsweise aufzunehmen. In der Urdimension gibt es naturgemäß auch Erscheinungen und Vorgänge, die selbst für das aus der kleinen Schale des Verstandes befreite Bewusstsein gigantisch sind. Auch sie werden nicht zeitlich Stück für Stück abgearbeitet, sondern momentan - aber nur bis zu einer gewissen "Tiefe" - erfahren. Genauer gesagt, mit einer Intensität, die für das wahrnehmende Bewusstsein möglich ist.

Ich kann die unterschiedliche Aufnahme-Arten, die vom Verstand und die vom reinen Bewusstsein, mit folgenden Beispielen verbildlichen: Ein Passagier beobachtet aus einem fahrenden Zug die an ihm vorbei gleitende Landschaft. Er kann zwar etwas schräg nach vorne blicken, oder auch ein wenig nach hinten. Er hat aber keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit und die Reihenfolge seiner Erfahrung. Das wäre unser zeitgebundenes tägliches Bewusstsein. Ein Internet-Surfer informiert sich über ein Phänomen mit Hilfe einer unbegrenzt leistungsstarken Suchmaschine. Auf einen Klick hat er eine enorme Fülle an Informationen, die er auf seine eigene Art und Weise aufnehmen kann. Tiefe seiner Erfahrung hängt allein von seiner Aufnahmefähigkeit, da alle Informationen momentan zur Verfügung stehen. Das wäre unser Bewusstsein in der Urdimension.

Äußerst interessant verhält sich der menschliche Verstand in dieser fremden Umwelt. Durch das von ihm unabhängige Agieren des Bewusstseins werden zwei Effekte hervorgerufen:

1. Die übliche Selbstidentifizierung des Verstandes mit dem Bewusstsein wird weitgehend aufgehoben.
2. Eine äußerst begrenzte Fähigkeit des Verstandes in den höheren Intelligenzschichten effektiv, intensiv und nichtlinear zu kommunizieren wird sehr offensichtlich.

In einer Umgebung, wo Kapazitäten des Verstandes absolut unzureichend sind, erweist er sich als eine spezifische fest einprogrammierte Funktion. Auch da, wo Realität direkt, zeit- und sprachfrei erfahrbar ist, versucht die Denkmaschinerie sie trotzdem in Worte zu übersetzen. Sie scheint nicht nur ein absolut durchdringend mit der Sprache verbundenes Phänomen zu sein. Im gewissen Sinne sind sie sogar identisch.

In der Urdimension wird der Mechanismus menschlicher Erfahrung durch die Spaltung ihrer beiden Komponente sehr deutlich. Das Bewusstsein stellt den eigentlichen wahrnehmenden Teil dar. Es ist zwar autonom und in sich ausreichend, es kann aber auch zusammen mit dem Verstand als eine Einheit funktionieren. Der Letztere hat keine Fähigkeit des Wahrnehmens und dient der Übersetzung der Realität in Begriffe materieller Wirklichkeit. Der Verstand ist damit eine Schnittstelle zwischen der Urdimension und der Raumzeit.

Zum Schluss wende ich mich der Frage an, die vom Anfang dieses Kapitels auch in der Luft hängt :-) Warum eigentlich "Ursachen" und "Ursachen-Dimension"?

Meine Kernaussage definiert unsere materielle Wirklichkeit nicht als eine selbständige Realität, sondern als eine Projektion des mehrdimensionalen Universums auf unser raumzeitliches Sinneskonstrukt. Diese Wahrnehmungsart als Illusion zu bezeichnen ist zwar weitgehend berechtigt, erzeugt aber einen Eindruck, dass das Gehirnbild irgendwie falsch an sich wäre. Das trifft aber nicht zu: es ist weder falsch noch richtig, es ist eine der vielen lebendigen Interpretationen der Realität. Wie ein gutes Buch über einen Krieg zwar keinen Krieg, aber auch keine Illusion darstellt. Es ist im Bezug auf den Krieg eine begrenzte sekundäre Wirklichkeit.

Nun, der Eindruck einer materiellen Wirklichkeit erzeugt der Mensch nicht etwa wegen der Unfähigkeit, komplexere Wahrnehmungen zu entwickeln. Nein, das ist auch unser Ziel - genau diesen Eindruck materieller Welt zu erzeugen. Und eben dadurch unsere virtuell-feste Wirklichkeit zu erschaffen.

Urdimension ist ein Begriff, der sicherlich gewisse Schnittmengen mit den Begriffen "kollektives Bewusstsein", "Geisteswelt", Sheldrakes "morphologische Felder" oder etwa "Quantenrealität" aufweist. Im Grunde sind dies alles Aspekte eines Gegenpols zu unserer „handfesten“ Wirklichkeit, die bekanntlich auch mannigfaltig bezeichnet wird - als materielle Realität, Raumzeit, Makrowelt oder auch negativ - als Maya, Illusion.

Wozu dann noch die "Urdimension"?

Um eine gewisse Eigenschaft idealer Realität in den Vordergrund zu stellen, nämlich ihre Ursachen-bildende Funktion. Um zu verdeutlichen, das diese feine Realität keineswegs eine parallele sekundäre Erscheinung darstellt, sondern umgekehrt, unsere wahrnehmbare Wirklichkeit bildet und formt. Die Urdimension bildet eine Grundlage der Raumzeit, determiniert sie.

 

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