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Bauwesen
mal contrachronologisch
Ich sitze
jetzt und schreibe diesen Text in einem Haus, das 1969 gebaut worden ist.
1967 fing der Bau an, 1968 wurde das Dach aufgestellt und 1969 war das
Haus endlich fertig.
Ich frage mich: Warum haben sie damals überhaupt damit angefangen?
Haben vielleicht Sie, verehrter Leser, diesbezüglich eine Idee?
War der Grund dafür Bausucht? Investitionsdrang? Obdachlosigkeitsscheu?
Oder ein unbändiges Verlangen, etwas Rechteckiges zu vollbringen?
Ich spekuliere jetzt nicht, ich lenke Sie nur ab. Natürlich habe
ich eine Erklärung, die radikal genug ist, um ernsthaft unter die
Lupe genommen zu werden.
Die Ursache des Bauvorgangs ist im ersten Satz bereits erwähnt worden:
Fertigstellung des Hauses im Jahre 1969. Damit will ich sagen, dass der
Bau 1967 begonnen wurde, weil das Haus 1969 bereits fertig war. Und nicht
umgekehrt.
Es gibt ein Gegenargument, und das lautet: Das geht ja gar nicht, ein
späteres Ereignis ist immer die Folge und keineswegs Ursache des
Früheren. Dies wird als eine Selbstverständlichkeit angesehen,
die einen primären existenziellen Charakter zu besitzen scheint.
Und dennoch ist sie deduktiv. Sie beruht auf einigen Annahmen, die wiederum
gewöhnlich für axiomatisch gehalten werden.
Eine davon besagt, dass unsere im Gehirn konstruierte virtuelle Realität
sich mit der eigentlichen "äußeren" Wirklichkeit
im Wesentlichen überschneidet, mit anderen Worten, dass unsere Sinnesorgane
alle entsprechenden Teilerfahrungen ins Gehirn mehr oder weniger uninterpretiert
transportieren, woraus dann unser Denkorgan eine realitätsgetreue
Abbildung des Universums erstellt. Diese Annahme - "die Welt ist
so, wie wir sie empfinden" - gilt auch als eine unabdingbare Grundlage
jeglicher wissenschaftlichen Forschung. Denn ohne Verlass auf eine weitgehende
Identität zwischen Welt und gehirnproduziertem Weltbild wäre
aller empirischen Erkenntnis der Boden weggezogen...
Diese Annahme, dass unser Wahrnehmungsapparat keine interpretierende,
sondern eine widerspiegelnde Funktion erfüllt, wird in der heutigen
etablierten Wissenschaft überwiegend selbstverständlich und
sogar unbewusst vorausgesetzt. Das ist gut nachvollziehbar, da die Wissenschaft
ja dazu da ist, glaubwürdige Beweise zu liefern.
Allerdings
ist es nun mal notwendig, Annahmen nicht mit Tatsachen zu verwechseln.
In diesem Fall handelt es sich eindeutig um eine Annahme, die sogar prinzipiell
nicht beweisbar ist. Denn alle wissenschaftlichen Informationen inklusive
alle möglichen Messdaten über die Sinnesorgane bekommen wir
letztendlich über dieselben Sinnesorgane.
Die zweite wichtige Annahme ist unser Verständnis der Zeit. Es ist
in unserem Kulturkreis üblich, dass die Zeit als eine absolute und
objektive Dimension des Universums betrachtet wird. Zwar hat Albert Einstein
versucht, daran zu rütteln und auch die Zeit zu relativieren, doch
durch seine theoretische Verschmelzung der Zeit mit dem Raum in ein vierdimensionales
Kontinuum verfestigte er eher den Eindruck einer vermeintlichen Objektivität
der Zeit.
Abgesehen davon wird die Zeit nach wie vor meistens im Newtonschen Sinne
verstanden, nämlich als eine absolute tragende Kraft, die "von
sich aus und gemäß ihrem Wesen gleichförmig und ohne Rücksicht
auf irgendwelche äußeren Dinge" fließt. Dieser Fluss
der Zeit finde in einem ebenso absoluten und unabhängigen Raum statt.
Einige von uns haben auch einen sattelförmigen Raum - allerdings
nur in den Büchern - gesehen. Und mit der Behauptung, die Summe zweier
Lichtgeschwindigkeiten ist nicht größer als eine der beiden,
sind wir auch schweren Herzens einverstanden. Wir sind fast stolz darauf,
dass einer von uns, Albert Einstein nämlich, so eine Theorie entwickelte
und wir von ihrer Richtigkeit sogar fest überzeugt sind.
Aber, aber, aber... Dem Herzen kann man doch nicht immer befehlen! Tief
in unserem Innersten sind wir den guten alten Weltbildern immer noch treu.
So war es mit Ptolemäus, so ist es jetzt mit Sir Isaak Newton, so
wird es aber auch mit Einstein sein. Nachdem die allgemeine Relativitätstheorie
unter den Wissenschaftlern längst zu einer spezifischen Interpretation
geschrumpft sein wird, erfolgt ihr wohlverdienter Siegeszug ins Bewusstsein
der Menschheit.
Diese Diskrepanz ist natürlich und psychologisch gut begründet.
Wir hängen der mechanistischen Illusion nicht aus Dummheit nach.
Sie ist zweifellos eine klare und schöne Welterklärung. Und
das Wichtigste dabei: Sie ist im Gegensatz zu Einsteins Kaugummi eine
harte "Absolutitätstheorie", und auch eine gnadenlose Objektivitätstheorie.
Einstein lockt uns, aus dem graniten Bunker in sein vierdimensionales
Zelt umzuziehen, doch kaum jemand macht das. Ich übrigens auch nicht,
denn meiner Meinung nach existieren weder Bunker noch Zelt außerhalb
des Schädels ;-)
Wenn wir schon wieder beim Thema Bauwesen sind, wird jetzt ein Stein (ein
getrennt geschriebener) ins gläserne Haus des vulgären Chronologismus
geworfen. Das oben erwähnte Gebäude, in dem ich diese Zeilen
gerade schreibe, wurde also 1969 gebaut und 1967 geplant. Wir versuchen
jetzt das Jahr 1969 nicht zu überspringen und die Strecke
von 1967 nicht wieder chronologisch normal zu durchlaufen. Wir
bleiben in der Gegenwart sitzen und betrachten den ganzen Vorgang rückwärts,
aus der damaligen Zukunft in Richtung jetziger Vergangenheit.
Das fertige Haus verliert zunächst all sein Dekor, seinen Putz und
fällt dann langsam aber unaufhörlich auseinander: Das Dach rutscht
ab, die Wände zerspringen, das Fundament verschwindet... Je weiter
wir in die Vergangenheit schreiten, desto luftiger und abstrakter wird
das Gebäude. Es entmaterialisiert sich. Für eine Weile existiert
es noch auf dem Papier, dann entfernt der Architekt mit seinem spitzen
Bleistift alle Linien darauf. In seinem Kopf werden schnell alle Umrisse
nebliger und unschärfer, bis das Projekt sich auf ein Vorhaben vereinfacht.
Dann springt es in den Kopf des Auftraggebers und zerschmilzt dort nach
ein paar Jahren endgültig. Unser Haus hat aufgehört zu existieren.
Amen.
Wenn wir in die Zukunft schauen, erscheint uns alles so subtil und wolkenweich.
Wenn wir aber aus der Zukunft Dinge betrachten, dann sind sie ... auch
zunehmend abstrakt und unbeständig. Ist das interessant!
Jetzt der versprochene (Ein)Stein. Wahrscheinlichkeit ist ein tragendes
Prinzip aller deterministischen Erklärungen und somit ein fester
Bestandteil unserer chronologischen Ursachenfindung. In der Regel setzt
man den Wahrscheinlichkeitsbohrer zukunftsgerichtet ein. Wir drehen ihn
jetzt aber um und schauen verblüfft in das Zeitloch...
Die Wahrscheinlichkeit, dass das fertige Haus vorher gebaut und noch früher
geplant wurde - ist hundertprozentig. Jene Wahrscheinlichkeit dagegen,
dass das geplante Haus gebaut wird - ist niedriger als hundert Prozent.
Viel niedriger. Diese Verschiedenheit des Bindungscharakters ist qualitativ.
Das Projekt ermöglicht lediglich das Haus. Das Gebäude dagegen
bedingt das Projekt, determiniert es unausweichlich. Es ist also mit Abstand
wahrscheinlicher, dass ein fertiges Haus die Ursache eines Projekts
ist, als umgekehrt. Das ist so einfach und so eindeutig, dass man zunächst
an Schwindel denkt. Zugegeben, aus unserem gewöhnlichen Zeitverständnis
ist diese Schlussfolgerung eine platte Provokation. Aus einem anderen
ist sie aber wahrscheinlich bis wahr.
Es ist schlicht unmöglich, unser Zeitkonzept zu prüfen, wenn
wir alles ihm Inkongruente von Anfang an ausblenden. Das Gegenteil ist
notwendig: Für unsere Expertise gehört das Zeitkonzept aus dem
Kopf - auf den Tisch.
Lassen wir dies als Vorwort gelten? Das hätte auch Vorteile: In bewusst
groben Zügen ist schon einiges Wichtiges skizziert worden. Obwohl...
Trauen Sie mir nicht! Ich werde gleich im ersten Kapitel mir selbst widersprechen
und manche kühne Behauptung gnadenlos revidieren. Oder auch nicht
;-) Jetzt gehe ich aber schlafen.
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